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Manche nennen es nutzlos, andere Forschung und Entwicklung. Experimentieren bedeutet auch immer ein Zulassen des Unbekannten, des Unsicheren. Am Anfang steht immer eine Frage. Manchmal scheint diese sinnlos oder nutzlos. Doch eine aktive Innovationskultur lässt auch solche Fragen zu, im Wissen, dass sich dahinter zentrale neue Themen verstecken können.

„Die wahre Schönheit des Gebrauchs nutzloser Dinge, ist die Erkenntnis, dass man nicht immer weiß, was die beste Antwort ist. Es schaltet die Stimme in Ihrem Kopf aus, die Ihnen mitteilt, dass Sie genau wissen, wie die Welt funktioniert. Vielleicht ist ein Zahnbürstenhelm nicht die Antwort, aber zumindest stellen Sie die Frage.“

Simone Giertz

Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Unternehmerpersönlichkeit die Unternehmenskultur maßgeblich prägt. Der oder die Unternehmer/in ist durch sein Vorbild verantwortlich für das Verhalten der Mitarbeitenden. Gegenüber anderen im Unternehmen und mit Kunden und Partnern. Doch wie erreicht man eine außergewöhnliche Unternehmenskultur? Durch eine außergewöhnliche Unternehmerpersönlichkeit! Hier ein Beispiel.

Selten wird so deutlich, welchen Einfluß die Persönlichkeit des oder der Unternehmer/in auf die Innovationsfähigkeit des Unternehmens hat, wie beim Gründer US-Fluggesellschaft Southwest Airlines. Herb Kelleher erzählt im „How I Build This“ Podcast mit Guy Raz sehr unterhaltsam die Geschichte seines Unternehmens seit Anfang der 70er Jahre. Zusammen mit Colleen Barrett und vielen weiteren Menschen baute er ein kundenorientiertes Unternehmen mit heute (2019) über 46.000 Mitarbeitenden auf. Der Podcast zeigt neben vielen anderen Videos, wie außergewöhnlich die Mitarbeitenden der Fluggesellschaft sind. Und welch beeindruckende Menschen Kelleher und Barrett. Damit vor allem der Kundenbezug so bleibt, ist es bei Southwest normal, dass alle in der Verwaltung regelmäßig im eigentlichen Betrieb mitarbeiten, beim Ticketverkauf, beim Check-in, beim Reinigen und Beladen von Flugzeugen. Und es ist üblich, Erfolge groß zu feiern.

Herb Kellerher im Podcast

Vortrag

Mit dem Fokus auf Beispiele für gute Innovationskultur für meine Workshops habe ich den Podcast als Auslöser für weitere Recherchen genommen zu Herb Kelleher und Colleen Barrett und die Entwicklungen bei Southwest. Ein gemeinsamer Vortrag der beiden an der Notre Dame Business School gibt weitere Einblicke.

Unkonventionelle Methoden

Um die unkonventionellen Methoden etwas besser zu verstehen, oder verwirrter zu sein, empfehle ich noch dieses doch sehr spezielle Southwest PR Video „Malice in Dallas“, das zeigt, wie die Firma Anfang der 90er Jahre einen Copyright Streit mit einer anderen Fluggesellschaft auf eine sehr schräge Art löst: durch Armdrücken in der Sportarena 🙂

Lernen für die eigene Unternehmenskultur

Erfahrene Unternehmer wie auch Gründer können von Herb Kelleher viel lernen, der Anfang 2019 im Alter von 87 Jahren verstorben ist. Es braucht die Bereitschaft, sich auf einen Rückblick einzustellen und die Prinzipien von der Mode der Zeit zu trennen. Dann ist Herb Kelleher eine Unternehmerpersönlichkeit voller Inspiration für heutige Unternehmen.

Wie führt man ein Unternehmen, in dem die besten Ideen gewinnen? Fehleinschätzungen, die zu einem wirtschaftlichen und wahrscheinlich auch emotionalen Tiefpunkt im Leben geführt haben, haben den Investment Manager Ray Dalio dazu gebracht, vor über 25 Jahren seine Firma komplett umzukrempeln. Statt nur auf seine eigene Einschätzung zu setzen und die anderer zu ignorieren, setzt er auf radikale Transparenz und eine Entscheidung der besten Ideen. Seine Einstellung zur „Ideen Meritokratie“ und der darauf aufgebauten transparenten Unternehmenskultur werden durch Tools nutzbar gemacht und haben zu einer rasanten ökonomischen Entwicklung seines Unternehmens beigetragen.

„Rather than thinking, ‘I’m right.’ I started to ask myself, ‘How do I know I’m right?’”

Ray Dalio

Am Anfang stand die Frage nach einer Grundlage für geschäftliche Partnerschaften: „Wie gehen wir als Partner miteinander um?“ Darauf aufbauend entwickelte sich ein langjähriger organischer Evolutionsprozess, dessen Ergebnisse heute auch bei großen Silicon Valley Firmen gefragt ist, die Vorteile im Bereich Crowdsourcing für die Entscheidungsfindung sehen, wie Ray Dalio im Interview sagte. Er war nicht spezifisch, welche Firmen interessiert sind, ich persönlich tippe auf Google. 

Wie sieht die Nutzung im Firmenalltag aus?

Seine Firma Bridgewater hat mittlerweile Programme, die die Meinungen aller im Team deutlich machen und über die Zeit daraus lernt. So entscheiden in einer bestimmten Situation die aggregierten Einschätzungen der Personen, die objektiv eine Glaubwürdigkeit in dieser speziellen Sache haben. So werden sowohl autokratische Einzelentscheidungen als auch demokratische Mehrheitsentscheidungen ersetzt. Algorithmen helfen bei der Auswertung und geben Empfehlungen für diese Entscheidungen, aber auch für die Kombination von Menschen in Teams. So entstehen Gruppen von Menschen, die sich ergänzen und aufeinander aufbauen. Jede/r muss sagen können, was er oder sie in einer Situation glaubt. Unabhängig vom Status und Alter. Und muss auch erkennen können, dass es sich um eine individuelle Einschätzung handelt, die im Kontext der Einschätzungen aller anderen in der Gruppe steht. Diese Mehrdimensionalität ergibt die Chance, sich zu hinterfragen und die eigene Perspektive zu verändern. Es bringt auch die Unterhaltung weg vom Streiten über individuelle Meinungen hin zum Finden von Kriterien für Entscheidungen.

„Different people always have different opinions. And who knows, who is right?“

Ray Dalio

Schlußendlich hilft dieses Vorgehen dadurch, diese arrogante und naive Haltung zu beseitigen, falsche Meinungen zu behalten und durchzuziehen und liefert ganz im Sinne von Lean Startup die Gelegenheit zur Verprobung der Meinung mit anderen. Die Betroffenen lernen Dinge durch die Augen aller zu sehen, gemeinsam mehrdimensionaler zu sehen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen.

Video

Wie Ray Dalio mit dieser Methode seit 25 Methoden sehr großen Erfolg hat, zeigt sein TED-Talk, hier die Transkription und das Video:

Dot Collector App

Das Vorgehen der sogenannten „Dot Collectors“ App kann im Video und hier zusammengefasst nachvollzogen werden.

Einfache erste Umsetzung

Ein interessanter erster Vorschlag zur Einführung des Transparenz Prinzips und der einfachen Nutzung via Slack ist hier zu finden.

Fazit

  • Transparenz und Offenheit bringt große Verantwortung aller mit sich
  • Konstruktive Kritik muss man geben können und auch aushalten
  • Die Gewöhnung daran braucht Zeit
  • Daten und Algorithmen unterstützen beim Sehen von Daten und Erstellen von Zusammenhängen. Sie können bei der Entscheidungsfindung unterstützen
  • Klar gestellte Fragen, bringen klare Antworten
  • „Wahrheiten“ sind nicht singular, sondern kommen durch die Einschätzung mehrerer erfahrener Beteiligter ans Licht
  • ganz praktisch: jede/r hat einen Laptop oder Tablet im Meeting mit dabei

Kann ein Unternehmen zu erfolgreich und gleichzeitig blind für Innovation sein? Natürlich. Interessant ist in diesem Zusammenhang, warum viele etablierte Unternehmen nicht sehen, was andere offensichtlich erkennen.

Bei Recherchen bin ich auf einen Artikel des GFK-Vereins gestossen, der das Thema im Zusammenhang mit Digitalisierung deutlich macht. Hier ein kurzer Auszug:

„Wie man Innovationsblindheit bekämpft

  • Überprüfen Sie die grundlegenden Annahmen Ihres Geschäftsmodells mit dem „Sicherlich-Alarm“
  • Vermeiden Sie einen “digitalen Cargo Kult” –  Marktrealität muss Vorrang vor dem schönen Schein haben
  • Nutzen Sie Design Thinking für schnelles Prototyping und eine offene Kultur des „schnellen Scheiterns“
  • Ändern Sie Ihre Entscheidungsabläufe, um rechtzeitig digitale Nachwuchskräfte anzuziehen“

Hier geht es zum vollständigen Artikel.




Wir sprechen häufig von der Etablierung einer Innovationskultur, vor allem wenn wir bei bestehenden Unternehmen über dringend anstehende tiefgreifende Veränderungen in der Produktstruktur oder dem Geschäftsmodell reden. Praktisch auch, wenn ein Umzug oder Neubau ansteht, dann denken wir über die Zukunft der Arbeit nach und wie wir sie im Unternehmen gestalten. Schnell sind Vorstellungen von Kreativräumen, Open Space Ansätzen und Coworking auf der Agenda – „New Work“ verlangt danach.

In guten Unternehmen werden dann die Mitarbeitenden einbezogen und gemeinsam Wege gefunden, die Planungen der Geschäftsleitung zu ergänzen und umzusetzen. Heraus kommen interessante Konzepte und Räumlichkeiten, im Idealfall mit positiven Auswirkungen auf die Firmenkultur.

Doch braucht es einen Neubau für Innovation? Ich weiß, das hört sich nach einer eigenartigen Frage für einen ex-Architekten an. Die kurze Antwort lautet: „nein“. Gerade in einer Zeit, in der wir (idealerweise) gemeinsam mit einer Reihe von Kooperationspartnern, unseren Kunden und einem Netzwerk von Externen unsere Leistungen erbringen, in der wir Standorte und Menschen weltweit miteinander verbinden, verliert das einzelne Gebäude seine Notwendigkeit. Ikonische Gebäude haben weiterhin ihre Strahlkraft, inspirierende Orte für das gemeinsame Arbeiten der Menschen, die zusammen kommen können sind auch wichtig.

Doch es ist nicht mehr das Büro, welches die Beteiligten im Innovationsprozess verwebt. Vielmehr ist es die Motivation und die Einstellung der Beteiligten, die Energie, die sie mitbringen. Natürlich haben nicht alle im Unternehmen und in seinem Netzwerk den gleichen Antrieb. Schon garnicht die Begeisterung für spezielle Themen.

Umso wichtiger ist es, zu „seinem“ Thema die passenden und verstreuten „Einzelnen“ zusammen zu bringen. Es gilt eine Bewegung zu starten! Wie? Eigentlich ganz einfach, sagt Derek Sivers in seinem TED-Talk (3 Min., Abschrift):

Begleitung bei der Bewegung?




Yvon Chouinard führt das hierzulande eher weniger bekannte Outdoorlabel „Patagonia“ aus dem kalifornischen Ventura. Yvon Chouinard ist ein echter Überzeugungstäter. Er hat die Firma nach eigenen Aussagen vor ca. 50 Jahren eher zufällig gegründet, weil er als Kletterer und Sportler ständig dachte, dass man das damals existierende Equipment verbessern muss. Im war wichtig, am Berg mit verläßlicher Ausrüstung von guter Qualität unterwegs zu sein. Und er hat Dinge als Unternehmer ständigin Frage gestellt. Sehr früh hat er zwei zentrale Themen entwickelt: eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmenskultur mit Mut zum Risiko und den Fokus auf hochwertige, reparierbare Erzeugnisse der Firma. Denn gerade am Berg lernt man, seinen Müll wieder mit zu nehmen, bzw. schon garnicht mit potentiellem Müll los zu gehen.

Der Podcast ist auf iTunes zu finden und hier direkt zu hören (ca. 27 Min.):




Die Formula Student ist ein Konstruktionswettbewerb, in dem Teams von Studierenden national und international mit selbstkonstruierten Rennwagen gegeneinander antreten. Es gewinnt nicht das schnellste Auto. Bewertet wird die Gesamtheit aus Konstruktion und Rennperformance, Finanzplanung und Verkaufsargumenten. Es gewinnt das Team, welches es nicht nur technisch schafft, einen effizienten Rennwagen in einem Jahr auf die Räder zu stellen. Genauso wichtig ist die Präsentation eines überzeugenden Businessplan, sowie das Sponsoring auf die Beine zu stellen. Und seit einiger Zeit ist auch die Elektromobilität sowie autonomes Fahren eine eigene Disziplin. Über 500 Teams treten so jährlich weltweit gegeneinander an.

Was bringt diese Menschen dazu, zusätzlich zu ihrem Studium zu Höchstleistung aufzulaufen?

  • Teamwork: ein Formula Student Rennteam hat schnell 30-40 Mitglieder
  • Netzwerk: die Teilnehmenden bauen wertvolle Verbindungen auf, auch zu Autofirmen als potentiellen Arbeitgebern
  • Weiterbildung: die Szene bietet eine Reihe von Weiterbildungsangebote, das Wissen kann direkt in die Arbeit am Fahrzeug umgesetzt werden

Der wichtigste Kraftstoff ist aber die Leidenschaft für die gemeinsame Sache.