Textilindustrie

Kann das Tylko-Konzept den Onlinehandel von z.B. Otto, Zalando, Karstadt, Dolzer, Nike und Co besser machen?

Über die Vor-und Nachteile des Onlinehandels vs. stationärer Handel kann man viel diskutieren – meiner Ansicht gewinnen die Unternehmen, die Offline-und Onlinehandel miteinander im Sinne des Kunden verbinden. Ein großer Vorteil des Ladens um die Ecke ist die Möglichkeit, z.B. ein Kleidungsstück in der richtigen Größe anprobieren zu können. Dies ist im Onlinehandel nicht möglich. Im Gegenteil, hier sind wir als Kunden einem Chaos von Konfektionsgrößen ausgesetzt, die gerade über Hersteller hinaus keinen Vergleich mehr ermöglichen. Selbst einzelne Hersteller tun sich schwer, ihre Größen standardisiert zu haben, wie ich vor Kurzem leidvoll erfahren musste: eine Schuhgröße 44 ist nicht bei jedem Nike-Schuh gleich groß. Nach der dritten Bestellung und zwei Retouren hatte ich dann das passende Paar. Ein Vorgang, der mir auch zwei Gründen nicht gefallen hat: es verursacht hohe Kosten beim Händler, die ich als Kunde letztendlich bezahle. Und es war ein aufwändiger Prozess. Die vorhergehenden Besuche in lokalen Geschäften rechne ich nicht ein, das war „Unterhaltung“. Denn ich habe tatsächlich zuerst versucht, etwas vor Ort zu kaufen, aber nichts „Passendes“ gefunden.

Übertragen des Konzepts von Tylko auf den Mode Onlinehandel

Beim ersten Lauf mit den neuen Schuhen habe ich mich gefragt, welche Vorteile ein Übertragen des Konzepts von Tylko, einem Anbieter von maßgeschneiderten Regalen (Video) , auf den Mode Onlinehandel hat; die guten Ideen kommen ja selten direkt am Arbeitsplatz. Mit Hilfe einer einfachen Kreativitätstechnik habe ich dann das Möbelthema auf den Modehandel und die Textilindustrie übertragen.

Was ist das Besondere am Tylko Konzept?

Tylko hat vollständig parametrisierte Produkte, welche einfach „skaliert“ werden können. Alle Faktoren des Produkts sind einfach plan- und anpassbar inkl. der Dimensionen, Materialien und Oberflächen. Im Moment bieten sie Regale an, ein Bereich, der vom Ikea Billy Regal bis zu massgefertigten Teilen vom Schreiner einen großen Markt abdeckt. Tylko liegt genau dazwischen: mittels einer Augmented Reality (AR) App wird ein erster Entwurf für das neue Regal mit dem Smartphone räumlich korrekt angezeigt. Mittels einfacher und bekannter Wischgesten wird das Möbel den eigenen Gestaltungsvorstellungen und den räumlichen Gegebenheiten angepasst und kann von allen Seiten begutachtet werden. Maßgenau wird gleich mit der App bestellt, bezahlt und die Daten direkt in die Produktion übergegeben. (Relativ) kurze Zeit später wird das Regal (als Bausatz) geliefert, beim Aufbauen kommen Ikea-Gefühle auf – selbst handwerklich Unbedarfte erleben den/die Schreiner/in in sich. Und die Montagedienstleistung wird auch nicht mehr lange dauern, bis sie mit angeboten wird.

So kann der Onlinehandel aus dem Tylko-Konzept profitieren

Es gibt keinen, schon garnicht weltweit, Standard für Kleidergrößen und Schuhgrößen. Vor allem erstere sind zu sehr vom Menschen und der Kultur abhängig, in der er/sie lebt. Zudem werden die Größen über die Zeit angepasst – wer das Phänomen der „wachsenden“ Größe 38 kennt, erlebt das am eigenen Leib. Die Konfektionsgrößen sind also, gerade in einer derart globalisierten Branche wie der Textilindustrie, nur Anhaltspunkte, nicht aber feste und verläßliche Größen wie z.B. ein Schraubenformat: „M4“ ist auf der ganzen Welt gleich, die Teile können einfachst miteinander verbunden oder ausgetauscht werden. Eine verläßliche Produktbeschreibung und Einhaltung von Standards ist notwendig, wenn unterschiedlichste Teile miteinander verbunden werden müssen.

Maßkonfektion arbeitet bereits mit dem Tylko-Konzept

Im Textilbereich kommt das Modell der Maßkonfektion, wie es z.B. Dolzer betreibt, dem Tylko-Konzept der parametrisierten Produkte am Nächsten. Auf Basis eines Schnitts, z.B. für eine Hose, mit erfassbaren Dimensionen können einfach die Abweichungen vom „Standard“ gemessen und in die individuelle Fertigung für den Kunden übernommen werden.

Kurzfristig

Ein einfacher Einstieg in das Thema wäre z.B. eine wirklich verläßliche und herstellerübegreifende Größentabelle auf den Websites der Onlinehändler. Spannenderweise scheint Zalando lieber Retouren zu finanzieren, als zu viel in diesen (Basis-) Bereich zu investieren, Otto scheint etwas konstruktiver zu sein. Wie kann das Tylko-Konzept helfen, die „richtige“ Größe zu finden? Einfach: durch Erweiterung der jeweiligen Apps durch eine Augmented Reality AR-Funktion für z.B. die 3D-Erfasssung der Füße zur Auswahl der passenden Schuhgröße. Ich muss mich als Kunde dann nicht mit den unterschiedlichsten Größen der Hersteller und deren Varianten herumschlagen, sondern erzeuge einfach ein 3D-Modell der Füße und die AR-Software macht den Rest. Jetzt brauche ich nicht mehr z.B. „Größe 44“ auswählen und hoffen, der der Schuh vorne auch breit genug ist. Das 3D-Modell stellt sicher, dass es passt.

Mittelfristig

Betrachtet man die Fortschritte im Bereich „Made to order“ mit Online Produkt Design Software, digitalisierte Fertigung und z.B. 3D-Druck wird deutlich, dass in absehbarer Zeit z.B. Schuhe nicht mehr auf Vorrat in verschiedenen Größen produziert werden um dann teilweise im Regal zu verstauben, sondern direkt für die Größe des/der Kunden/in gefertigt werden. Bezieht man dann noch Funktionen aus der Künstlichen Intelligenz (KI/AI) ein, haben wir einfachst höchst individuelle, personalisierte Schuhe – im Design und Passform als auch technisch angepasst auf Körpergewicht und Laufstil. Firmen wie Adidas haben hier bereits kommerzielle Produkte am Start.

Längerfristig

Damit diese Funktionen für alle Beteiligten zum Vorteil und der Aufwand reduziert wird, braucht es einen echten Standard an Produktdaten für Kleidungsstücke und Schnitte. Dieser Standard baut nicht auf den herkömmlichen Konfektionsgrößen auf, sondern auf Parametern, die mit jedem Kleidungsstück mitgeliefert werden. Diese sind in einer entsprechenden Datenbank und/oder einem integrierten (z.B. RFID) Chip gespeichert. Bei Lagerware, die aus Effizienzgründen wahrscheinlich als Modell erhalten bleibt, kann so einfachst ein Matching des Kunden 3D-Modells und des Kleidungsstücks erfolgen. Ohne Konfektionsgrößen.

Tylko-Konzept als Vorbild für spannendes Geschäftsmodell in der weltweiten Textilindustrie

Die Etablierung dieser Standarddatenformate und auch einer entsprechenden Datenbank erscheint mir zudem ein spannendes Geschäftsmodell im Textilbereich und ist eine der echten Herausforderungen der digitalen Fertigung. Sie werden auch dazu beitragen, Überproduktionen zu vermeiden und so die Textilindustrie bzw. den gesamten Lifecycle nachhaltiger zu machen.