Vor 25 Jahren veränderte ein neues Produkt die Art und Weise, wie Golf gespielt wird. Dieses Fallbeispiel für Produkt Innovation zeigt anschaulich, wie ein etabliertes Unternehmen auf Marktdruck reagiert. Es illustriert den Innovationsprozess von der Beobachtung, ersten Ideen, über das Prototyping bis zur erfolgreichen Markteinführung.
In den 1990er Jahren standen Golfspieler vor einem Dilemma. Sie mussten sich zwischen Distanz und Kontrolle entscheiden. Der Hersteller Titleist, damals bekannt für traditionelle Bälle, geriet unter Druck durch neue Wettbewerber. Die Antwort auf dieses Problem war der Titleist Pro V1 Golf Ball. Die Produktentwicklung erforderte Mut zum Scheitern, systematische Materialforschung und das genaue Zuhören bei der Zielgruppe.
Die R&D Abteilung testete unzählige Varianten. Ein gescheiterter Testlauf in Texas führte schließlich zur entscheidenden Lösung durch eine feuchtigkeitsabweisende Schicht. Die Validierung durch professionelle Spieler auf der Tour brachte dann den endgültigen Durchbruch. Heute betrachten wir dieses Beispiel im Smart Innovation Blog, um wertvolle Schlüsse für unsere eigene Arbeit zu ziehen.
Ich schreibe dies aus meiner Perspektive als Innovationscoach in Baden-Württemberg, um engagierten Teams konkrete Hilfestellungen für ihre eigene Innovation zu geben. Diesen Themen spreche ich regelmäßig im Smart Innovation Podcast an, um grundlegende Mechanismen aufzuzeigen.
Übersicht
David Maher, CEO der Acushnet Company, Mary Lou Bohn, Präsidentin von Titleist Golf Balls, und Bill Morgan, ehemaliger SVP für Titleist Golf Ball R&D, teilen ihre Erfahrungen. Ihre wichtigsten Erkenntnisse umfassen verschiedene Bereiche wie Marktbeobachtung, Prototyping, Mißerfolge auf dem entlang des Innovationsprozess, Freude an der Arbeit mit Kunden.
Zunächst wird auch in diesem Fall klar, dass Innovation oft aus einer Krisenstimmung oder einem starken Marktdruck entsteht. Die Produkte des Unternehmen fielen hinten denen der Wettbewerber zurück. Dies erzeugte eine enorme Dringlichkeit im Team.
Zweitens erfordert echte Disruption eine hohe Akzeptanz für Fehler. R&D Teams müssen verrückte Ideen testen dürfen und scheitern dabei natürlich auf dem Weg.
Drittens sind scheinbare Rückschläge oft der Wegweiser zur Lösung. In diesem Fall war ein ein Problem mit der Feuchtigkeitsaufnahme eines Prototyps, das zur namensgebenden Veneer-Technologie führte.
Viertens ist die frühe Nutzerakzeptanz der stärkste Hebel für den Markterfolg. Die schnelle Adaption durch Profispieler erzeugte einen massiven Sog im Markt.
Fünftens endet Innovation nie. Ein erfolgreiches Produkt muss permanent evolutionär weiterentwickelt werden, um an der Spitze zu bleiben.
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Die wichtigsten Erkenntnisse
Die Ausgangslage: Wer löst was und warum?
In den 1990er Jahren hatten Golfspieler ein konkretes Problem. Es gab Bälle für große Distanzen. Diese bestanden aus zwei Schichten, boten aber wenig Kontrolle rund um das Grün. Auf der anderen Seite gab es Tour-Bälle für Profis. Diese lieferten viel Spin und Kontrolle, blieben aber bei der Distanz zurück. Die Spieler verlangten zunehmend nach einem Ball, der beides leisten konnte.
Gleichzeitig drängten neue Wettbewerber auf den Markt. Diese setzten auf Bälle mit solider Konstruktion. Titleist galt als Unternehmen der traditionellen, gewickelten Bälle. Konkurrenten behaupteten, der gewickelte Ball sei tot. Das Unternehmen stand in der Gefahr, seinen Marktvorteil zu verlieren. Diese externe Bedrohung formte das „Warum“ des gesamten Projekts. Das Ziel war die Verteidigung der Marktführerschaft. Das Team hatte den klaren Auftrag, den eigenen traditionellen Ball selbst zu ersetzen, bevor es jemand anderes tat.
Der Innovationsprozess: Wie die Produktentwicklung ablief
Die Entwicklungsabteilung stand vor der Herausforderung, das Beste aus zwei Welten zu vereinen. Ein Ball sollte sich vom Abschlag wie ein Distanzball verhalten und beim kurzen Spiel die Kontrolle eines weichen Balls bieten. Der Weg dorthin war geprägt von Versuch und Irrtum.
Bill Morgan beschreibt diese Phase sehr treffend. Das Team füllte Golfbälle sogar testweise mit Zahnpasta oder Guinness-Bier. Für jede zwanzig Ideen funktionierten neunzehn aus unterschiedlichen Gründen nicht. Diese hohe Fehlerquote ist typisch für eine ambitionierte Produktentwicklung. Das Team ließ sich davon nicht entmutigen. R&D-Abteilungen müssen genau diese Freiheit haben. Sie legten in dieser experimentellen Phase unwissentlich den Grundstein für den späteren Erfolg.
Prototyping in der Realität: Herausforderungen und Rückschläge
Im Jahr 1994 führte das Unternehmen den Titleist Professional ein. Dieser Ball nutzte erstmals gegossenes Urethan. Die Entwickler dachten zunächst, dies sei bereits das Optimum. Der Ball lieferte weniger Spin beim langen Spiel und gute Kontrolle beim kurzen Spiel. Doch die Konkurrenz verbesserte ihre Produkte ebenfalls weiter.
Das Team entwickelte daraufhin den Titleist Pro Two-Piece. Im Sommer 1995 startete ein Test im Bundesstaat Texas. Die Rückmeldungen der Spieler waren jedoch ernüchternd. Der Ball war langsamer als erwartet. Er fühlte sich lahm an. Die Ursache lag im Material. Urethan absorbiert viel Feuchtigkeit. Diese Feuchtigkeit drang durch die Hülle in den Kern des Balls ein. Dieser Testlauf hätte das Ende des Projekts bedeuten können. In der Praxis der Innovation sind solche Feldtests jedoch extrem wertvoll. Sie decken Probleme auf, die im Labor unsichtbar bleiben.
Lösungsansätze: Der Weg zum Durchbruch
Das Feuchtigkeitsproblem verlangte nach einer schnellen Lösung. Eine Übersicht der Lösungsansätze zeigt, wie unkonventionell Ideen entstehen können.
Das R&D Team saß an einem langen Konferenztisch. Jemand bemerkte den starken Glanz der Tischoberfläche. Es handelte sich um ein lackiertes Furnier, im Englischen Veneer genannt. Diese Beobachtung führte zu einem neuen Ansatz. Das Team entwickelte eine sehr dünne Beschichtung für den Golfball. Diese Schicht fungierte als Feuchtigkeitsbarriere. Sie verhinderte, dass Wasser in den Kern eindringen konnte.
Dieser Lösungsansatz ging als das Veneer Project in die Unternehmensgeschichte ein. Er zeigt, dass Inspiration oft außerhalb des eigenen Fachgebiets zu finden ist. Der gescheiterte Testlauf in Texas war somit kein Fehlschlag. Mary Lou Bohn stellt klar, dass dieser Test der Vorläufer für die größte Innovation der Golfbranche war.
Die Namensgebung: Einfachheit siegt im Branding
Ein interessantes Detail der Produktentwicklung ist die Entstehung des Namens. Die Marketingabteilung war mit den vorliegenden Vorschlägen unzufrieden. Bill Morgan wählte daher eine sehr einfache und sachliche Bezeichnung für die Labortestprodukte. Pro stand für Professional. V stand für Veneer. Die Zahl 1 stand für den ersten Ball dieser Art. Dazu kam die Zahl 392 für das Dimple-Muster.
Aus dem Pro V1 392 wurde ein Selbstläufer. Der Name sickerte nach draußen. Die Spieler begannen, über den Pro V1 zu sprechen. Der Laborname verselbstständigte sich. Dies zeigt, dass ein gutes Produkt kein künstliches Marketing-Konstrukt für den Namen benötigt. Die Leistung überzeugte die Nutzer, und diese machten den Namen zur Marke.
Validierung durch den Nutzer: Der entscheidende Test
Ein Kernbestandteil der Produktentwicklung bei Titleist ist die Validierung durch professionelle Spieler. Diese Tests beantworten das „Wo“ und „Wer“. Sie fanden auf realen Golfplätzen mit echten Profis statt. Die Spieler waren vom Verhalten des Balls im positiven Sinne schockiert. Das Produkt verhielt sich völlig anders und viel besser als erwartet.
Markteinführung: Beschleunigung und Dynamik
Die offizielle Vorstellung auf der Tour fand in Las Vegas statt. Das Unternehmen schickte sechzig Dutzend Bälle für zwanzig Spieler. Das Kontingent reichte bei weitem nicht aus. Die Spieler sahen in den Trainingsrunden, wie gut ihre Kollegen mit dem neuen Ball spielten. Die Nachfrage explodierte.
Die Haltbarkeit des Balls gab den Spielern zusätzliches Vertrauen. Sie spielten in den Trainingsrunden nur einen einzigen Ball. Am Ende traten siebenundvierzig Spieler mit dem Pro V1 an. Das war ein massiver Vertrauensvorschuss. Ein Spieler namens Billy Andrade nutzte den Ball, um seinen Verbleib auf der Tour zu sichern. Er schlug den Ball zwanzig bis dreißig Yards weiter und gewann das Turnier. Auch die nächsten Platzierten spielten den neuen Ball.
Dieser Erfolg beschleunigte die Markteinführung enorm. Die Nachfrage der Endkunden übertraf alle Erwartungen. Das Unternehmen konnte nicht schnell genug produzieren. Der Ball erreichte im ersten Monat einen Marktanteil von knapp sechs Prozent.
Evolution und kontinuierliche Verbesserung
Die Innovation endete nicht mit dem Launch im Jahr 2000. Dem Unternehmen was klar, ein erfolgreicher Innovationsprozess verlangt nach stetiger Anpassung.
Die Entwickler sammelten Erfahrungen mit Doppelkern-Konstruktionen. Daraus entstand der Pro V1x. Damit konnte das Unternehmen verschiedene Spielertypen noch besser bedienen um bestmögliche Optionen für jeden Spieler anzubieten. In den folgenden 25 Jahren veränderte das Unternehmen viele Details. Sie verbesserten die Aerodynamik und optimierten die Dimple-Muster. CEO David Maher betont, dass ein Produkt nur an der Spitze bleibt, wenn man das Machbare immer wieder neu definiert. Auch heute ist das Unternehmen stets bereit, neue Kunststoffe, Gummis oder chemische Verbindungen zu erforschen.
Timeline des Entwicklungsprozesses
1932
Das Unternehmen wird gegründet und siedelt sich in Fairhaven, Massachusetts an.
1994
Das Unternehmen führt den Titleist Professional ein. Dieser Ball nutzt erstmals gegossenes Urethan und wird zum meistgespielten Ball auf der Tour.
Sommer 1995
Der Pro Two-Piece wird im Testmarkt in Texas eingeführt. Spieler bemängeln die geringe Geschwindigkeit des Balls. Das R&D Team identifiziert Feuchtigkeitsaufnahme als Ursache.
Ende der 1990er Jahre
Das R&D Team entwickelt das Veneer Project. Eine neue Beschichtung löst das Feuchtigkeitsproblem. Der Laborname Pro V1 entsteht. Erste Feldtests mit Spielern verlaufen extrem erfolgreich.
Oktober 2000
Offizieller Tour-Launch in Las Vegas. Die Nachfrage der Spieler übersteigt das Angebot massiv. Billy Andrade gewinnt das Turnier mit dem Pro V1. Die Top Platzierten des Turniers spielen alle den neuen Ball.
März 2001
Die Mainstream-Presse greift das Thema auf. USA Today titelt über den Ball, der den Golfsport auf den Kopf stellt. Der Marktanteil im ersten Monat liegt bei fast 6 Prozent.
Folgejahre bis 2025
Einführung des Pro V1x zur besseren Differenzierung. Kontinuierliche Innovationen bei Aerodynamik, Farbgebung und Kernkonstruktion. Die Modelle 2025 setzen die Reihe fort. Es zeigt sich, dass die nach dem ursprünglichen disruptiven Produkt, dann eine Phase der kontinuierlichen Optimierung erfolgt.
2025+
Alle Beteiligten sind sich bewußt, dass es neue disruptive Innovation bei Golf Bällen geben wird und beobachten den Markt.
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Details
Fallbeispiel Produkt Innovation, Innovationsprozess, Prototyping, Produktentwicklung, Titleist Pro V1, Golf Ball

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