Kommunikation Wissenstransfer

Kommunikation im Wissenstransfer

Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist kein neues Thema – aber es ist heute aktueller denn je. Angesichts der Herausforderungen durch Klimawandel, Digitalisierung und gesellschaftlichen Wandel wird immer deutlicher: Ohne Dialog, Offenheit und Vertrauen bleibt wissenschaftliches Wissen oft in der Theorie stecken.

Im Gespräch in Episode 145 des Smart Innovation Podcast mit Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring, Vizepräsidentin für Forschung, Transfer und Wissenschaftskommunikation an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, wurde klar: Kommunikation ist ein entscheidender Hebel, damit aus Forschung Wirkung entsteht – zusammen mit Netzwerk und Beratung.

Podcast anhören & folgen

Beobachtungen & Erkenntnisse

Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft: Wie Kommunikation, Vertrauen und neue Formate den Erfolg bestimmen

Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist kein neues Thema – aber es ist heute aktueller denn je. Angesichts der Herausforderungen durch Klimawandel, Digitalisierung und gesellschaftlichen Wandel wird immer deutlicher: Ohne Dialog, Offenheit und Vertrauen kommt wissenschaftliches Wissen nicht in der Gesellschaft an.

Im Gespräch mit Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring, Vizepräsidentin für Forschung, Transfer und Wissenschaftskommunikation an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin), wurde klar: Kommunikation ist ein entscheidender Hebel, damit aus Forschung Wirkung entsteht.

„Kommunikation ist die Klammer, die alle Transferprozesse zusammenhält“, sagt Molthagen-Schnöring.

Sie spricht damit ein zentrales Problem an – und eine große Chance: Nur wer miteinander redet, kann Wissen wirklich in die Praxis bringen und damit Vertrauen und Innovation schaffen.

Kommunikation als Schlüssel im Wissenstransfer

Kommunikation im Wissenstransfer bedeutet weit mehr als das reine Vermitteln von Forschungsergebnissen. Es geht um Verständigung, Vertrauensaufbau und das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen. „Wissenstransfer ist kein einseitiger Prozess“, betont Molthagen-Schnöring. „Wissenschaft produziert nicht einfach Wissen, das dann in die Wirtschaft geliefert wird. Im besten Fall sind alle Beteiligten von Anfang an Teil des Prozesses.“

Das klingt selbstverständlich – ist es aber nicht. Noch immer stehen sich Wissenschaft und Wirtschaft häufig gegenüber, als wären sie zwei getrennte Welten. Die akademische Sprache auf der einen Seite, die betriebswirtschaftliche Realität auf der anderen. Das Ergebnis: Missverständnisse, Reibungsverluste, verpasste Chancen.

Wer Forschungskooperationen mit Unternehmen erfolgreich gestalten will, braucht deshalb mehr als nur Fachwissen. Es braucht Kommunikationskompetenz. Zuhören, Übersetzen, Erklären, sowie Beratungskompetenz und Netzwerke. „Viele Forschende sind begeistert von ihrer Arbeit, müssen aber lernen, warum das auch andere begeistern könnte“, so Molthagen-Schnöring.

Gerade im Dialog mit Unternehmen zählt, wie komplexe Inhalte in einfache, relevante Fragen übersetzt werden. Was ist das Problem, das wir gemeinsam lösen wollen? Wo treffen sich wissenschaftliche Neugier und betriebliche Notwendigkeit?

Strategien für erfolgreichen Wissenstransfer

Immer mehr Hochschulen entwickeln eine Transferstrategie, um diese Fragen systematisch anzugehen. Die Idee: Wissenstransfer ist kein Zufallsprodukt, sondern eine strategische Aufgabe – ebenso wichtig wie Lehre und Forschung.

Eine gute Strategie umfasst drei zentrale Dimensionen: Vernetzen, Beraten und Anwenden. Dabei ist Kommunikation der verbindende Faktor. Von der ersten Idee bis zur Umsetzung eines Projekts braucht es den Dialog zwischen Forschenden, Unternehmen, Beratenden, Verwaltung und Öffentlichkeit.

An der HTW Berlin hat Molthagen-Schnöring diesen Ansatz konsequent aufgebaut. Sie ist Mitinitiatorin von Unite Berlin, der Startup Factory der Hauptstadtregion, und Koordinatorin des Hochschulnetzwerks „Zukunft findet statt“. Beide Initiativen verbinden Forschung, Praxis und Gesellschaft – und zeigen, wie Transfer gelingen kann, wenn Kommunikation strategisch gedacht wird.

Auch andere Hochschulen ziehen nach. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) etwa verknüpft Grundlagenforschung mit angewandtem Wissenstransfer. Ziel ist es, positiver „Impact“ als festen Bestandteil wissenschaftlicher Leistung anzuerkennen, wie Podcast Co-Host Dr. Barbara Schmuker ausführt.

Denn: Der Erfolg einer Hochschule misst sich nicht mehr nur an der Zahl der Publikationen. Immer wichtiger wird die Frage: Welchen Beitrag leistet unsere Forschung für Wirtschaft und Gesellschaft?

Forschungskooperationen mit Unternehmen – Brücken in die Praxis

Funktionierende Forschungskooperationen mit Unternehmen sind das Herzstück des Wissenstransfers. Sie bringen wissenschaftliche Ideen in reale Anwendungen. Doch wie kommen Hochschule und Mittelstand überhaupt zusammen?

Oft beginnt alles mit einer vagen Anfrage: „Wir haben da ein Problem, aber wissen nicht, wie wir es lösen sollen.“ Genau hier entsteht der Dialog. „Dann nehmen wir uns Zeit und klären gemeinsam, wo eigentlich die Herausforderung liegt“, erzählt Molthagen-Schnöring.

In einem dieser Projekte beschäftigten sich Malermeister mit der Frage, wie man Farbeimer umweltgerecht entsorgt. Ein scheinbar banales, aber hochrelevantes Thema im Kontext von Kreislaufwirtschaft und Innovation. Gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entwickelten sie Ideen, wie sich Materialströme reduzieren und Recyclingprozesse verbessern lassen.

Das Ergebnis war mehr als nur ein technischer Lösungsansatz – es war ein Lernprozess für alle Beteiligten. „Selbst die, die anfangs skeptisch waren, waren hinterher begeistert, weil sie in der Interaktion so viele neue Fragen entdeckt haben“, berichtet Molthagen-Schnöring.

Solche Projekte zeigen: Praxisorientierte Forschung an Hochschulen funktioniert, wenn Wissenschaft zuhört, Wirtschaft mitdenkt und alle Seiten Raum für Austausch schaffen und auf Moderation und Vorbereitung des Prozess setzen.

Neue Formate im Wissenstransfer

Ein Beispiel für einen solchen Raum ist das HTW Innovation Work Retreat Format. Dabei treffen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Praxis für zwei Tage, um gemeinsam an einer Fragestellung zu arbeiten – extern moderiert, strukturiert und methodisch begleitet.

Ziel ist nicht die schnelle Lösung, sondern das gemeinsame Erarbeiten. In einer ruhigen Umgebung entstehen kreative Ideen, tragfähige Kooperationen und oft auch neue Forschungsanträge.

„Diese Anlässe zu schaffen, ist unglaublich wichtig“, sagt Molthagen-Schnöring. „Viele sehnen sich nach persönlichem Austausch – weg vom Bildschirm, hin zu echter Zusammenarbeit.“

Formate für Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gewinnen dadurch an Bedeutung: Innovation Retreats, Co-Creation-Workshops, Science Weeks oder Forschungsforen. Sie alle fördern interdisziplinäre Zusammenarbeit und schaffen Vertrauen, das in digitalen Netzwerken schwerer wächst.

Wissenschaftlicher Impact und Anerkennung

Doch so engagiert viele Forschende auch sind – sie stoßen im System oft an Grenzen. Wissenschaftliche Karrierewege orientieren sich nach wie vor stark an klassischen Kennzahlen: Publikationen, Zitierungen, Drittmittel.

Transferleistung, Kommunikation oder gesellschaftlicher Impact zählen bislang kaum. „Wir brauchen neue Bewertungsmaßstäbe“, fordert Molthagen-Schnöring. Initiativen wie COARA – Coalition for Advancing Research Assessment wollen genau das ändern. Sie schlagen vor, den wissenschaftlichen Impact und die Transferleistung stärker zu berücksichtigen.

Auch in Deutschland bewegt sich etwas: Brandenburg und Bayern haben Transferprofessuren eingeführt. Einige Hochschulen ermöglichen Forschenden „Transfersemester“, um Ausgründungen oder Kooperationsprojekte voranzutreiben.
Der Wandel braucht Zeit – und Ressourcen. „Zeit ist die wichtigste Währung im Transfer“, sagt Molthagen-Schnöring. „Wenn wir wollen, dass Forschende kommunizieren und kooperieren, müssen wir ihnen auch Freiräume geben.“

Kommunikation und Vertrauen im Wissenschaftsdialog

Erfolgreicher Wissenstransfer beruht auf Vertrauen – zwischen Menschen, Institutionen und Disziplinen. Vertrauen entsteht, wenn Kommunikation ehrlich, empathisch und respektvoll ist.

„Sympathie ist ein entscheidender Vertrauensindikator“, erklärt Molthagen-Schnöring. Es geht also nicht nur um Kompetenz, sondern auch um Haltung: Zuhören statt belehren, Fragen stellen statt dozieren, Dialog statt Monolog.

Aktives Zuhören ist ein oft unterschätzter Teil des Transfers. Wer verstehen will, was der andere braucht, muss bereit sein, die eigene Perspektive zu öffnen.
Das klingt einfach, ist aber herausfordernd. Gerade wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffentlich kommunizieren, erleben sie zunehmend Gegenwind. Kritik, Polarisierung, Desinformation – all das macht Wissenschaftskommunikation anspruchsvoller.

Deshalb gibt es heute Unterstützungsangebote wie den SciCom Support, eine bundesweite Anlaufstelle für Forschende, die verbal oder physisch angegriffen werden. Ein notwendiges, aber auch alarmierendes Signal.

Trotzdem bleibt Molthagen-Schnöring optimistisch: „Wenn Wissenschaft sichtbar und ansprechbar bleibt, trägt sie dazu bei, gesellschaftliche Diskurse zu versachlichen.“

Chancen durch Dialog und Interaktion

Dialogische Kommunikation ist keine Kür, sondern Teil der wissenschaftlichen Verantwortung. Wer Wissen teilt, eröffnet neue Perspektiven – auch für sich selbst. „Oft kommen aus Gesprächen mit Unternehmen oder Verwaltung Impulse, die Forschung in neue Richtungen lenken“, sagt Molthagen-Schnöring.

Das gilt auch für politische Beratung. Wissenschaft kann Entscheidungsträgerinnen wertvolle Grundlagen liefern – vorausgesetzt, sie ist zugänglich. Viele Hochschulen bauen deshalb Expertendatenbanken auf oder entsenden Forschende in Gremien und Kommissionen.

„Wissenschaftlicher Rat kann helfen, bessere Entscheidungen zu treffen – wenn er frühzeitig eingebunden wird“, sagt Molthagen-Schnöring.

Ein Kollege aus einem Normungsgremium berichtete kürzlich begeistert, wie er miterlebte, „dass man mit wissenschaftlicher Expertise Standards mitgestalten kann, die wirklich Wirkung zeigen“.

Solche Beispiele verdeutlichen, dass Formate für interdisziplinäre Zusammenarbeit weit über klassische Forschung hinausreichen: Sie verändern Strukturen, Entscheidungsprozesse und letztlich auch die Kultur der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Sichtbarkeit und Anerkennung – eine Frage der Kultur

Eine Transferstrategie an Hochschulen lebt davon, dass gute Beispiele sichtbar werden. Wer Menschen inspiriert, andere Wege zu gehen, stärkt den Transfergedanken.

Molthagen-Schnöring empfiehlt, erfolgreiche Projekte offensiv zu kommunizieren: „Nicht nur den Forschungspreisträger zeigen, sondern auch den, der gerade ein Unternehmen ausgegründet hat oder ein besonders spannendes Praxisprojekt leitet.“
Diese Wissenschaftskommunikation fördern und anerkennen heißt auch, Wertschätzung zu zeigen – nach innen wie nach außen. Sie schafft Motivation und zeigt, dass gesellschaftlicher Beitrag Teil wissenschaftlicher Exzellenz ist.

Fazit: Wissenstransfer als gemeinsame Verantwortung

Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist kein Selbstläufer. Er braucht Strategie, Kommunikation und Mut zur Zusammenarbeit.

Er braucht Wissenschaftlerinnen, die offen erklären können, warum ihre Forschung relevant ist. Unternehmen, die bereit sind, sich auf neue Perspektiven einzulassen. Und Hochschulen, die Transfer als Kernaufgabe begreifen – mit klaren Strukturen, Ressourcen und Anerkennung.

Formate wie das Innovation Work Retreat zeigen, wie produktiv echter Austausch sein kann, wenn Zeit, Raum und Vertrauen stimmen.

„Ich glaube, wir sehen uns alle danach, wieder mehr persönliche Anlässe zu haben“, sagt Molthagen-Schnöring. „Wenn man dann noch ein schönes Ambiente schafft, ist das oft der Beginn nachhaltiger Zusammenarbeit.“

Wissenstransfer ist also weit mehr als die Brücke zwischen Theorie und Praxis. Er ist eine Haltung – die Bereitschaft, gemeinsam zu lernen, Verantwortung zu teilen und Zukunft zu gestalten.

Oder, wie ich es aus diesem Gespräch mitnehme: Innovation und Wissenstransfer gelingen nur, wenn Menschen miteinander reden – und wirklich zuhören.

Transkript

Das Transkript folgt.

Weitere Artikel

Über

Dr. Klaus Reichert

Hallo, Klaus Reichert hier. Ich bin unabhängiger Berater und kreativer Business Coach mit Herzblut für Innovation. Ich begleite Unternehmen mit viel Erfahrung und Kreativität beim Innovationsmanagement und Innovationsstrategie auf dem Weg von der Vision zu enkeltauglichen Leistungen. Mein Standort ist Baden-Württemberg, zwischen Stuttgart, Karlsruhe und dem Bodensee.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Innovationscoaching kennenlernen. Denn es gibt kein Ende von Innovation. Nur Starts.

Mit dem Innovationscoaching Programm haben Unternehmen eine unkomplizierte und öffentlich geförderte Möglichkeit, einen kontinuierlichen Innovationsprozess einzuführen und die Transformation durch Digitalisierung, Klimawandel und Gesellschaft einfacher zu meistern. Wir klären Fragen in einem kostenfreien Erstgespräch per Zoom oder Telefon.

Nach oben scrollen